Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein!

Gemein­sa­me Erklä­rung, 3.3.2020

Wie­der ein­mal benutzt Erdoğan Flücht­lin­ge als poli­ti­sche Schach­fi­gu­ren. Wie­der ein­mal wer­den Men­schen­rechts­ver­tei­di­gen­de aus ver­schie­de­nen Berei­chen und Län­dern Zeu­gen einer ille­ga­len und unmensch­li­chen Situa­ti­on an der Gren­ze zwi­schen Grie­chen­land und der Türkei.

Offi­zi­el­le Zah­len sind nicht ver­füg­bar, aber es ist klar, dass Tau­sen­de von Flücht­lin­gen, dar­un­ter eine gro­ße Anzahl von Min­der­jäh­ri­gen, von Erdoğan mani­pu­liert wur­den und nun zwi­schen zwei Gren­zen fest­sit­zen, ohne die Chan­ce nicht nur auf Asyl­ver­fah­ren, son­dern auch auf ange­mes­se­ne Nah­rung, sau­be­res Was­ser und eine Unter­kunft zu haben. Es gibt ernst­haf­te Berich­te über Gewalt gegen Migran­tin­nen und Migran­ten, und es ist auch bekannt, dass etwa hun­dert Per­so­nen, die die Gren­ze über­schrit­ten haben, bereits von den grie­chi­schen Behör­den fest­ge­nom­men wur­den. Abge­se­hen von die­ser neu­en Situa­ti­on, besteht die inak­zep­ta­ble Lage in den grie­chi­schen Brenn­punk­ten nach wie vor, und im Mit­tel­meer ster­ben Menschen.

Es ist erneut not­wen­dig, die euro­päi­schen Regie­run­gen an ihre Ver­pflich­tung zur Ein­hal­tung der Grund­sät­ze des Völ­ker­rechts und der Men­schen­rech­te zu erinnern.

Die gegen­wär­ti­ge Not­la­ge der Migran­tin­nen und Migran­ten an der Gren­ze zwi­schen der Tür­kei und Grie­chen­land liegt nicht nur in der Ver­ant­wor­tung die­ser bei­den Län­der. Die euro­päi­schen Staa­ten sind für die­se Kri­se direkt ver­ant­wort­lich, zusätz­lich zu der schreck­li­chen Situa­ti­on in den grie­chi­schen Kri­sen­her­den und im Mit­tel­meer. Die­se Kata­stro­phe ist eine direk­te Fol­ge der unrecht­mä­ßi­gen und inof­fi­zi­el­len Ver­ein­ba­rung zwi­schen der EU und der Tür­kei. Die­se Ver­ein­ba­rung soll­te unver­züg­lich auf­ge­ho­ben wer­den. Es besteht kein Zwei­fel dar­an, dass die Tür­kei kein siche­res Land für Migran­tin­nen und Migran­ten ist, und des­sen Erklä­rung zu einem siche­ren Dritt­land ist eine kla­re Ver­let­zung der Men­schen­rech­te. Die vom tür­ki­schen Staat vor­ge­schla­ge­nen ›siche­ren Zonen‹ in Syri­en sind völkerrechtswidrig.

Eine Lösung kann nur in Euro­pa und ohne die Betei­li­gung der tür­ki­schen Regie­rung gefun­den wer­den. Natio­na­le Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker sowie EU-Ver­tre­te­rin­nen und ‑Ver­tre­ter soll­ten Frem­den­feind­lich­keit, Popu­lis­mus und Ras­sis­mus sofort able­gen. Die­se Ansät­ze füh­ren zu faschis­ti­schen Lösun­gen, die mit unse­ren euro­päi­schen Wer­ten unver­ein­bar sind.

Das Recht, Schutz zu suchen und das Recht auf ein Leben in Wür­de ist das Grund­recht jedes ein­zel­nen Men­schen, des­sen Leben bedroht ist. Die euro­päi­schen Staa­ten müs­sen den Zugang zu inter­na­tio­na­lem Schutz gewäh­ren, nicht nur aus huma­nis­ti­scher Sen­si­bi­li­tät, son­dern weil sie recht­lich dazu ver­pflich­tet sind.

Daher soll­ten die EU-Staa­ten und inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen die Maß­nah­men der grie­chi­schen Regie­rung, die Regis­trie­rung von Anträ­gen auf inter­na­tio­na­len Schutz aus­zu­set­zen und alle Per­so­nen, die ille­gal nach Grie­chen­land ein­rei­sen, ohne Regis­trie­rung abzu­schie­ben, nicht unter­stüt­zen. Die­se Hand­lun­gen ver­sto­ßen gegen inter­na­tio­na­le Flücht­lings- und Men­schen­rechts­ge­set­ze und fin­den kei­ne Unter­stüt­zung in der Ent­schei­dung des EGMR im Fall N.D. N.T. gegen Spa­ni­en (Anträ­ge Nr. 8675/15 und 8697/15). Eine sol­che Mani­pu­la­ti­on von Geset­zen und Urtei­len gefähr­det die Rech­te jedes euro­päi­schen Bür­gers und die Demo­kra­tie und stellt eine fata­le Hal­tung gegen­über schutz­be­dürf­ti­gen Per­so­nen dar.

Grie­chi­sche Gerich­te haben Ver­ur­tei­lun­gen von Per­so­nen, die in die­sen Tagen in Evros ankom­men, mit bis zu vier Jah­ren Haft ohne Auf­schub ange­kün­digt. Die­se Maß­nah­men ver­sto­ßen gegen die Gen­fer Kon­ven­ti­on und wer­fen erns­te Fra­gen in Bezug auf ein ord­nungs­ge­mä­ßes Ver­fah­ren und einen fai­ren Pro­zess auf. Euro­päi­sche Regie­run­gen und inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten handeln.

Denn die Situa­ti­on ver­schlech­tert sich täglich:

  • Wir for­dern Grie­chen­land auf, die Gren­zen zu öff­nen und die Anwen­dung von Poli­zei­ge­walt gegen die Flücht­lin­ge unver­züg­lich einzustellen.
  • Wir for­dern die sofor­ti­ge Umsied­lung der Flücht­lin­ge aus Grie­chen­land in ande­re Staa­ten Euro­pas. Das ›Take Charge‹-System der Dub­lin-III-Ver­ord­nung könn­te sofort ange­wen­det wer­den, eben­so wie ande­re Umsied­lungs­me­cha­nis­men. In die­ser Hin­sicht soll­ten die EU-Mit­tel für die­se Zwe­cke ein­ge­setzt wer­den und nicht für FRON­TEX-Ope­ra­tio­nen, die dar­auf abzie­len, Flücht­lin­ge und Asyl­su­chen­de von den grie­chi­schen See- und Land­gren­zen abzu­fan­gen und von dort zurückzudrängen.
  • Wir for­dern die Auf­he­bung aller Straf­an­zei­gen gegen Flücht­lin­ge, deren Ver­bre­chen dar­in besteht, die Gren­ze zu überschreiten.
  • Wir for­dern die euro­päi­schen Staa­ten auf, das inter­na­tio­na­le und euro­päi­sche Recht und die Men­schen­rechts-Char­ta zu respektieren.
  • Wir for­dern die sofor­ti­ge Auf­he­bung der unrecht­mä­ßi­gen Ver­ein­ba­rung zwi­schen der EU und der Türkei.
  • Wir rufen alle auf, in die­ser dra­ma­ti­schen Situa­ti­on Stel­lung zu bezie­hen.
     

Yio­ta Masou­ridou, Vize­prä­si­den­tin der AED, Athen, erklärt: »Seit der Ver­ab­schie­dung der EU-Tür­kei-Erklä­rung im Jahr 2016 ver­let­zen die EU-Mit­glieds­staa­ten kol­lek­tiv das Prin­zip der Nicht-Zurück­wei­sung. Eine Men­schen­rechts­lö­sung muss jetzt umge­setzt wer­den, indem Flücht­lin­ge und Asyl­su­chen­de auf EU-Ter­ri­to­ri­um auf­ge­nom­men wer­den. Kurz­fris­ti­ge poli­ti­sche Lösun­gen, die die euro­päi­sche Rechts­kul­tur beschä­men, soll­ten auf­ge­ge­ben wer­den«.

Und die tür­ki­sche Anwäl­tin Ceren Uysal fügt hin­zu: »Wir sind Zeu­gen eines Ver­bre­chens gegen die Mensch­lich­keit. Wir glau­ben fest dar­an, dass es not­wen­dig ist, zu han­deln, zu pro­tes­tie­ren und gegen die Aus­höh­lung des Rechts­staa­tes und die Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te zu kämp­fen«.

Es gibt ein andau­ern­des Ver­bre­chen, und wir wer­den nicht Teil die­ses Ver­bre­chens sein!

Athen, Istan­bul, Ber­lin, Ams­ter­dam, Paris, Brüs­sel, Rom, Madrid, Barcelona

3. März 2020

Kon­takt
Gio­ta Mas­sou­ridou, Vice-Pre­si­dent of the AED-EDL: massouridoup@yahoo.gr

Unter­zeich­nen­de
Avo­cats Euro­péens Démo­cra­tes, www.aeud.org
Bor­der­line Euro­pe, https://www.borderline-europe.de/
Mis­si­on Life-line, www.mission-lifeline.de
Alarm­pho­ne, https://alarmphone.org/en/
Dut­ch Orga­niz­a­ti­on for Asyl­um Lawy­ers, www.hvh-advocaten.nl
Med­i­co inter­na­tio­nal e.V., www.medico.de
The Dut­ch League for Human Rights
Foun­da­ti­on of the Day of the End­an­ge­red Lawy­er, http://dayoftheendangeredlawyer.eu/
Lawy­ers’ Asso­cia­ti­on for Free­dom (ÖHD)
Pro­gres­si­ve Lawy­ers’ Net­work (CHD)

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